Sex sells. Yoga auch. Faszientraining: warum nicht alles yogisch ist, wo Yoga drauf steht.

Faszientraining TalkWellness Anja Eva Keller Petruccelli

Sex sells. Yoga auch.
Faszientraining: warum nicht alles yogisch ist, wo Yoga drauf steht.

Meine Kundenrezession zu fayo

Ich habe mich in letzter Zeit vermehrt mit dem Thema ‘Faszien’ beschäftigt. Faszientraining finde ich ziemlich spannend und ist ja gerade auch in aller Munde.

Also habe ich die letzten Monate jede Menge Recherche zum Thema betrieben und bin so auch auf der Seite von ‘fayo’ gelandet, angeblich dem Marktführer in Sachen Faszientraining in Deutschland.

Neugierig bin habe ich mich zum 2 tägigen Ausbildungswochenende fayo FazienYoga im Raum München angemeldet.

Ganz ehrlich, ich hatte keine Ahnung was mich da erwartet, wusste aber ziemlich genau, was ich dort lernen wollte. Nämlich alles über Faszien und Faszientraining.

Woher kommt der geschützte Begriff ‘fayo’

Der Begriff fayo ist eine Zusammensetzung aus Faszien +Yoga. 

Und hat mit Yoga rein gar nichts zu tun. 

Auf die Frage einer Teilnehmerin wärend des Seminars, was es damit auf sich hätte, war die Antwort “das ist eine reine Begrifflichkeit”. 

Aha.

Ich habe den Eindruck gewonnen, dass man hier bewusst eine Irreführung des Verbrauchers in Kauf nimmt. Ganz nach dem Motto “Sex sells”. 

Und Yoga halt auch. 

Kontaktaufnahme

Im Vorfeld habe ich per Email Kontakt mit dem Unternehmen aufgenommen, in dem ich mein Interesse für ein bestimmtes Wochenende kundgetan habe. Mir wurde ans Herz gelegt, dass eine Reservierung nicht möglich sei, und eine feste Zusage erst nach Zahlung der Kursgebühr von fast 600 Euro (exklusive Verpflegung und Übernachtung). 

Soweit so gut. 

Als ich jedoch in meiner Bestätigungsemail den Hinweis las, dass die Lektüre des hauseigenen Buches zum Preis von 19,90 Voraussetzung zur Teilnahme sei, war ich schon das erste Mal ziemlich angepi&%t. Bei einer dermassen hohen Kursgebühr erwarte ich, dass alle Unterrichtsmaterialien inkludiert sind!

Darüberhinaus gibt es übrigens keinerlei Teilnahmebedingungen. Jede Privatperson – ob Trainer oder nicht – kann teilnehmen. Auch das ist ja schön und gut, allerdings hat mich dann die Aussage der Referentin sehr gewundert, dass man nach diesem einen Seminar-Wochenende (!) ausreichend qualifiziert sei (?), selbst Kurse anzubieten. Man könne quasi schon Montags loslegen – sofern man ein Abo abschliesst.
Und da ist es schon, das Kleingedruckte. Mehr dazu weiter unten.

Ablauf

Der grosse Seminarraum bot ausreichend Platz. Ich fand den rauhen Teppichboden suboptimal und hätte mir als Austragungsort einen richtigen Fitnessraum oder Studio mit Holzboden gewünscht. Zumindest gab es Tageslicht und grosse Fenster, so dass man zwischendurch Lüften konnte.

Vorab wurde ein Ablaufplan ausgeteilt, der auch gut eingehalten wurde. An beiden Tagen wurde jeweils zu Beginn eine ca 60 minütige Unterrichtsstunde gegeben. Anschliessend wurden die einzelnen Übungen zwar sehr ausführlich, jedoch lediglich im Ablauf, besprochen. Es geht im Kurs also ausschliesslich darum, eine Choreographie zu erlernen, mit teils fragwürdigen Verrenkungen, deren Sinn und Auswirkung in keinster Weise erklärt wurden. 

Ich wundere mich noch immer, was es mit den “Hasenohren” auf sich hat.

Das fayo System (was ich oben als Choreographie bezeichne) besteht aus 12 sogenannten Flows (eine mehr oder weniger kurze Abfolge von einigen wenigen Übungen) auf der Matte, sowie 11 Flows im Stand, dazu die Massage mit der Faszienrolle. Diese vom fayo-Erfinder speziell ausgewählten Übungen sollen präventiv den 12 Hauptengpässen (der körperlichen Dehnfähigkeit) vorbeugen.

Verpflegung

Ach ja. Eigentlich ist das ja nicht wirklich ein erwähnenswertes Thema, aber da ist alles schief gelaufen.

Die Veranstaltung fand in einem Seminarzentrum statt, in dessen sehr kleinen Vorraum die Teilnehmer verpflegt wurden. Es standen wie vorab versprochen ausreichend Wasser, Tee und Kaffee, Saft, sowie Äpfel und Bananen (die eigentlich viel zu lupenrein waren als dass sie hätten -wie angepriesen- Bio sein können…) zur ständigen Verfügung. 

Und dann das versprochene ‘gesunde’ Mittagessen, das man zusätzlich um 10,50 Euro dazu buchen konnte. Naiv habe ich mich am ersten Tag dazu überreden lassen, das angepriesene Salatbuffet zu buchen.

Das Angebot war gelinde gesagt eine Frechheit, mit grünem Misch-Salat aus der Packung, ein paar Rohkost Angeboten wie Karotten, Tomaten, Gurken, eine Schüssel mit undefinierbarer Mischung von ‘Antipasti’, sowie eine halbe Scheibe Mischbrot für jeden. Dazu ein weisslich dickliches Joghurt-Dressing aus der Plastikflasche. 

Der Caterer hiess übrigens “Ihr Bio-Caterer”, keine Ahnung was das sollte.

Viele Teilnehmer mussten dann ihr karges doch teures Mahl auch noch auf umgedrehten Getränkekisten oder am Boden kauernd zu sich nehmen, da für alle ca 50 Personen lediglich 4 kleine Stehtische zur Verfügung standen. Allgemeiner Unmut, da die Verpflegungsbedingungen abweichend kommuniziert waren im Vorfeld.

Faszientraining TalkWellness Anja Eva Keller Petruccelli

Referentin

Auch hier leider eine grosse Enttäuschung – auf mehreren Ebenen. Zuerst ist mir aufgefallen, dass die Referentin irgendwie keinerlei Interesse an ihren Teilnehmer/innen hatte. Ok, eine Gruppe von etwa 45 Teilnehmer ist eigentlich viel zu gross (ich hatte das Gefühl, dass mehr auf Masse als Klasse Wert gelegt wird), aber dennoch muss sich meiner Meinung nach eine Refentin bemühen, eine Beziehung zu Ihren Teilnehmern aufzubauen. 

Noch dazu wo wir 2 ganze Tage miteinander verbringen sollten. 

Sie hat sich nicht einmal bemüht, die Namensschilder zu lesen, die eigens ausgegeben worden waren… Sie stand selbst lediglich auf Ihrem Platz, legte viel Wert darauf zu zeigen, dass sie die Übungen bestens beherrscht. Als dann irgendwann tatsächlich die Ansage kam “du da hinten im weissen Shirt, du musst den anderen Arm nehmen….” hab ich endgültig die Augen verdreht.

Im Vergleich dazu: bei meiner 60 minütigen Yoga on the beach Stunde in San Francisco waren etwa gleich viele Teilnehmer. Peter hat es in dieser einen Stunde geschafft, jeden einzelnen Teilnehmer auf seiner Matte zu besuchen, anzusprechen, und in die Augen zu schauen. Das nenne ich mitreissend!

ritual beach yoga Anja Eva Keller TalkWellness

yoga on the beach in San Francisco

Bei fayo hatte ich jedoch das Gefühl dass die Referentin einfach nur ihr Programm abspult und herzlich wenig Interesse hat, wertvolle Inhalte zu vermitteln. Das war dann doch ziemlich langatmig und langweilig.

Wissen und Terminologie

Zum Wissen der Referntin kann ich wirklich wenig sagen, da sie kaum theoretisches Hintergrundwissen mit uns geteilt hat. Auf Fragen von Teilnehmern wurde salopp auf ‘das Buch’ verwiesen. Dazu hat sie des öfteren merkwürdige Begriffe verwendet, wie z.B. ‘Horizontabilität’. Klar, ich wohne schon lange nicht mehr in Deutschland und hab da linguistisch sicher einiges in den letzten Jahren verpasst, aber da hab ich mich doch gefragt, ob sie die Teilnehmer mit schlauen Wörtern beeindrucken will, oder sich selbst verwirren?

Die Ansagen der Referentin waren also lediglich richtungsweisend. ‘jetzt federn’, ‘Knie schön durchdrücken’, ‘Hohlkreuz machen’, ‘dann gehen wir runter’, ‘dann nehmen wir den Arm’, und dann bla bla bla. So ging es die ganze Zeit im ‘Kinderbuch-Vorlesen’ Stil dahin, was, warum, wieso habe ich nicht erfahren. Wie stehen die Übungen mit der Theorie in Verbindung, was passiert da gerade in meinem Körper?
Alternativen, Erläuterungen, oder Hilfestellungen… Fehlanzeige.

Faszientraining TalkWellness Anja Eva Keller

fayo Rolle in schwarz und Blackroll med in grün

Die Faszien-Rolle

Das wirklich spannende am Faszientraining für mich (und übrigens auch für einige weitere Teilnehmer, wie sich in Gesprächen ergeben hat) ist die Faszienrolle.

Die Vermittlung vom Umgang mit und Wissen zur Faszienrolle beschränkte sich im 2-Tages-Kurs auf insgesamt etwa insgesamt 45 Minuten. Auf unsere Bitte am zweiten Tag, doch noch näher auf die Rolle einzugehen, bekamen wir sinngemäss folgende Antwort: da gäbe es nicht viel weiter zu sagen, es gibt eben nur 5 Linien (Körper Vorderseite, Körper Rückseite, Körper Aussenseite, Beine Innenseite, und die Arme). Und die solle man halt ein einziges Mal in nur eine Richtung rollen und fertig. Vor, während, oder nach dem Training sei egal, käme halt drauf an.

Auf die Nachfrage einer Teilnehmerin, warum andere Anbieter abweichende Rollenhandhabung empfehlen, kam die knappe und leicht arrogante Antwort, so im Sinne von: wir wissen es halt besser, wir arbeiten schliesslich mit den besten Wissenschaftlern zusammen. 

Sorry, aber das ist mir zu wenig Inhalt, da hätte ich dann doch gerne mehr gehört!

Spa Geek Knowledge: Was sind Faszien?

Faszien sind räumlich trennende und formgebende Häute, die alles umhüllen: Muskeln, Knochen, Organe, und Nerven. Sie können hauchdünn oder Millimeter dick sein, haben keinen deutlichen Anfang oder Ende, sondern bilden ein überlagerndes und ineinander übergehendes Geflecht. Über Nervenenden wirken sie auf das vegetative Nervensystem, daher können sie auch (Ver)Spannungen übertragen. Faszien können durch Lymphstau verkleben, lassen sich aber auch durch Training manipulieren.

 

Ziel des Kurses

So wie ich es empfunden habe, ist das ‘Ausbildungswochenende’ ein Teaser für weiteres Business des Unternehmens. Ziemlich schlau wird da nämlich die Mitgliedschaft des eigenen [online] Netzwerkes angepriesen, um knapp 50 Euro im Monat, welche Voraussetzung zur ‘Qualification’, und Erlaubnis zum Unterrichten von “fayo” ist.

Im Netzwerk können Trainer sich dann unter anderem austauschen und Videos anschauen, und damit der ‘fayo-Familie’ angehören. Natürlich kann man auch kostenpflichtig Werbematerialien bestellen, und weitere Produkte wie Faszien-Rollen oder Nahrungsergänzungsmittel. Provision inbegriffen – das verbindet.

Meiner Mattennachbarin beim Ausbildungswochenende hat diese Idee wohl nicht so gut gefallen, denn ihr Kommentar war: ‘…fast schon sektenmässig…’.

Ich muss sagen ‘Hut ab vor dem Geschäftsmodell. Hier funktioniert eine super Marketing Maschine!

Was ich für mich mitnehme

In der Kursgebühr inbegriffen waren eine Fazienrolle, das ‘Ei’, sowie eine CD.

Die fayo-Rolle ist im Vergleich zur Blackroll etwas kleiner im Durchmesser und etwas weicher, was ich beides als sehr angenehm empfinde. Zudem hat die Rolle mittig eine Kerbe, was das Rollen am Rücken (Wirbelsäule ist quasi ausgespart) viel angenehmer macht.

Wobei ja meine Trainerin in Österreich sagt, man solle den Rücken ja eigentlich gar nicht rollen.

Mit dem Ei komme ich persönlich nicht so gut zurecht, sehe aber den zusätzichen Nutzen, dass es ‘wabbelt’ und man somit nicht ausschliesslich linear rollen muss. Die vorgeschlagenen Druckmassage mit dem Ei von beispielsweise Fuss-Knöcheln fand ich dann aber doch etwas merkwürdig.

Der Inhalt der CD bietet leider auch nicht viel Neues oder Zusätzliches.

Warum ich sauer bin

Ich behaupte, sehr gutes Wissen, Kenntnisse und Erfahrungen zu besitzen wenn es Gruppen-Training geht. Ich habe selbst jahrelang in Studios unterrichtet und für den Deutschen Aerobic & Fitness Verband als Referentin Trainer ausgebildet. Und nein, nicht in einfachen Wochenendkursen, sondern aufbauenden Seminaren. Ich wurde sogar mehrfach sowohl zur Fibo in Essen, als auch International zu Kongressen als Presenter eingeladen um mein Wissen an andere Trainer weiterzugeben. 

Das sage ich jetzt alles nicht um anzugeben, sondern um meine Expertise darzustellen. Ein bischen kenn ich mich halt aus, und deshalb behaupte ich, dass ich diese Kritik hier auch üben kann.

Was ich gelernt habe

Was ich also gelernt habe: leider nichts Neues.

Tatsächlich hat sich gar nicht sooo viel verändert, auch wenn neue ‘Systeme’, die angeblich auf bahnbrechenden neuen wissenchaftlichen Erkenntnissen liegen, das behaupten. Zumindest wurde dieser Inhalt im Seminar nicht klar.

Allerdings musste man den Eindruck gewinnen, dass fayo ausdrücklich versucht anders zu sein. Dabei werden viele verschiedene Elemente von zB der guten alten Wirbelsäylengymnastik, Tai Chi, Qi Gong, Pilates und Yoga ausgeliehen, die dann neu zusammengesetzt werden. Ein bischen so wie die eierlegende Wollmilchsau, alles für jeden. 

Mein Eindruck wurde im Kurs sogar bestätigt: auf die Frage von Teilnehmern ‘was wenn Kursteilnehmer in den Dehn-Übungen keine Herausforderung mehr sehen, weil sie vielleicht schon sehr dehnfähig sind’ war die Antwort: ‘ naja, dann mach halt ein Krafttraining draus’… hä?

Ein Ziel von fayo ist angeblich, die gesamte Körperstruktur zu dehnen: also Muskeln, Nerven, Faszien, Gewebe. Und damit eine maximale Mobilität zu erreichen. Nunja, das machen wir beim authentischen Yoga doch schon seit Jahrtausenden, oder?

Fazit

Leider kann ich den fayo Kurs überhaupt nicht weiterempfehlen und empfehle allen, die sich für Faszientraining interessieren, sich auch mal auf anderen Seiten wie zum Beispie der Seite von Fascial Fitness (Originalmethode des Faszientrainings seit 2007 – Mitbegründer ist übrigens ebenfalls wie bei fayo auch Dr. Schleip, Leiter des Fascia Research Project Universität Ulm und Forschungsdirektor der European Rolfing Asscociation) umzusehen.

Hast du schon mal von Faszientraining gehört, oder es ausprobiert? Oder vielleicht sogar eine Weiterbildung besucht? Ich würde mich total freuen, von deinen Erfahrungen zu hören.

Anja Eva Keller Spa & Wellness Consulting

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